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Civilization IV Grössenwahnsimulation

Dieser Eintrag hält einen Beitrag der Redaktion fest: ein Test mit dem Titel Civilization IV Grössenwahnsimulation aus der Reihe Civilization.

Ein Test dieser Jahre endete mit einer Note und beurteilte die Verkaufsversion. Die Skala war nach oben gestaucht: 70 Prozent galten als schwaches Ergebnis. Gemessen wurde auf der Hardware, die in der Redaktion stand, nicht an einem Standard.

Der Beitrag im Wortlaut

Textstand der Archivierung (2006); Schreibweise und Ansprache sind die des Originals.

Review von Wolfgang Amann 13. November 2005

Mit Civilization IV haut man wohl nicht die actionverwöhnte Spielergemeinde vom Hocker – alle anderen dafür umso mehr. Was das legendäre Spiel taugt, erfahrt ihr in unserem Test.

Da wäre dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber schon warm ums Herz geworden, wenn er außer sich in Berlin noch eine so große Prominenz wie die in Civilization IV um sich hätte. Doch das ganz große Los hat er schon verpasst: An der Seite von Bismarck und Kaiser Friedrich II als Herrscher von Deutschland spielbar zu sein. Aber es bleiben ja noch die vielen anderen Länder mit dem friedlebigen Gandhi, dem revolutionären Washington oder dem aggressiven Dschingis Khan. Die bringen alle ihre Boni mit in ihr Volk ein: Die Russen werden mit Zar Peter zu großen Philosophen und expandierfreudig, unter Zarin Katharina jedoch kreativ und finanzorientiert. Das heißt aber nicht, dass alle Machthaber untereinander mit sich können. Schnell winselt der pazifistische Gandhi um Gnade, wenn Napoleon mit seinen Truppen mal wieder kurz vor Delhi steht. Soll der Friedensvertrag mit einem satten Geldbündel als Entscheidungshilfe jetzt unterzeichnet werden oder nicht? Eigentlich egal, schließlich können wird in zehn Runden dann erneut einmarschieren. Nicht egal: Kriege kosten Sympathiepunkte. So kann es schnell sein, dass sich Amerikaner und Engländer gegenseitig zerfetzen, so lieb wie sich Bush und Blair derzeit auch haben. Bleibt nur noch die Frage, welchen Bonus Stoiber den Deutschen einbringen würde? Angesichts der derzeitigen Ausreden sicherlich Kreativität.

Das Geschehen wird im Gegensatz zu den letzten Teilen mit einer brandneuen 3D-Grafikengine auf den Bildschirm gebracht. Dank dieser hat man endlich das Gefühl, ein lebendiges Volk zu kommandieren und nicht nur bunten Matsch auf der Karte hin und her zu schieben. Selbst in den auf der Karte recht klein dargestellten Städten kann man jedes Detail erkennen, sei es der gerade errichtete Obelisk oder die rauchende Schmiede. Wem das zu nah ist, hat auch die Möglichkeit, durch das Wolkendach raus ins All zu zoomen und die Aussicht zu genießen. Aber das grafische Aufgebot war in Sid Meiers Spielereihe sowieso noch nie das Hauptaugenmerk; viel wichtiger ist für eingefleischte Spieler wohl die Umsetzung des neu umgekrempelten Interfaces. Während man in den alten Civilization-Teilen sich ewig in die Spielmechanik einarbeiten musste, stellt das neueste Werk einen so guten Einstieg wie noch nie bereit. Dank einem sehr gut entworfenen Tutorial werden wichtige Funktionen in kurzer Zeit erklärt. Fährt man z.B. mit dem Mauszeiger über ein Terrainfeld, erhält man alle wichtigen Informationen wie den Verteidigungsbonus oder die abbaubaren Spezialressourcen. Wer hier noch nicht genug Überblick hat, geht noch einen Schritt weiter auf die Übersichtskarte. Hier kann auf einen Blick erkannt werden, welches Feld für die Eigenschaften Nahrung, Produktion und Handel perfekt geeignet ist. Damit hat man einen viel besseren Überblick über die perfekten Standorte seiner Bauernhöfe, Minen oder Städte. Vertont wurde leider viel zu wenig – wäre es doch ein Sahnehäubchen gewesen, jedem der Staatsoberhäupter charakteristische Stimmen zu verleihen und so deren Gefühle zu zeigen. So beschränken sich diese auf eine ausgeprägte Mimik und auf Dialoge in Form von Text. Ganz ohne Sprachausgabe geht’s dann aber anscheinend auch nicht: Das Tutorial hat den englischen Ton beibehalten und beim Popup einer neuen Forschung werden die erstmals enthaltenen Zitate wichtiger Texte vorgelesen.

Nun zu den gravierenden Änderungen gegenüber dem dritten Teil. Ganz neu im Spiel verankert ist der Aspekt der verschiedenen Religionen der gesamten Welt. Buddhismus, Hinduismus, Islam, Christen- und Judentum etc. haben nicht nur auf den Gegner Einfluss (oft muss man sich als Heide beschimpfen lassen), sondern auch auf die eigene Bevölkerung. Dank der Möglichkeit, seine spirituellen Bedürfnisse ausleben zu können, werden die Bewohner glücklicher und es hagelt förmlich Kulturpunkte auf das Konto der eigenen Zivilisation. Wechselt man die Religion seines Staates herrscht erst einmal Anarchie, während der Städte nichts produzieren. Alles in allem hat auch die Betonung auf den Städtebau im Vergleich zum Vorgänger erheblich abgenommen. Statt eine Stadtmauer nach der anderen aus dem Boden zu stampfen, konzentriert man sich jetzt mehr auf die Forschung, die nationalen Wunder und den Einsatz von Spezialisten. Pro Stadt können nur zwei nationale Wunder gebaut werden, weshalb eine starke Spezialisierung der einzelnen Siedlungen von Nöten ist. Kultur hat sich auch geändert. Falls man keinen Vertrag über offene Grenzen mit einer anderen Nation hat, dürfen diese die eigenen Grenzen nicht ohne Kriegserklärung überschreiten. Je mehr Kultur, desto weiter dehnen sich die Abgrenzungen des eigenen Gebietes aus, bis Städte eines anderes Herrschers so beeindruckt sind, und überlaufen. Aber kulturell wertvolle Städte haben auch im Krieg einen Vorteil; mit Waffengewalt kommt man dort lange nicht so weit, als in anderen Metropolen.

Das ganze Herumgewusel mit einer eigenen Zivilisation ist schön und gut – aber wie kann man letztendlich gewinnen? Da gäbe es die schon aus den Vorgängern bekannten Siegbedingungen wie einen bestimmten Weltanteil zu beherrschen oder alle Gegner auf der Karte auszurotten. Auch mit drei legendären Städten im eigenen Reich geht man in die Geschichte ein. Interessanter wird’s dann schon beim Weltraumrennen: Wer als erster alle Teile für ein Raumschiff nach Alpha Centauri fertig gestellt hat, geht als Sieger hervor, die Wartezeit, bis das Raumschiff dort auch angekommen ist, ist leider weg gefallen. Dann wäre da noch ein „Diplomatischer Sieg“. Hat man erstmal das UN-Wunder errichtet, wird der Generalsekretär gewählt. Dieser hat jede Runde die Möglichkeit, die berühmten Resolutionen zu verabschieden. Je nach Lust und Laune werden Länder politisch isoliert oder nukleare Waffen vom Bildschirm verbannt. Trotz der vielen Gewinnmöglichkeiten ist es trotzdem nicht einfach schließlich zu triumphieren. Die gut gelungene künstliche Intelligenz bietet in vieler Hinsicht große Herausforderungen, da jede mit seiner eigenen Spezialität auftrumpft. Manche sind wahre Meister im Wunder erschaffen, andere haben schon von Anfang an eine bestimmte Staatsform oder Religion, die sie natürlich auch dem Spieler „empfehlen“ wollen. Das geht soweit, dass Waffengewalt angedroht wird, wenn das eigene Handeln dem Mitstreiter nicht passt. Aber auch in Friedenszeiten ist Handel möglich, Computer werden ab jetzt viel aktiver und schlagen sehr oft von selbst Geschäfte vor.

Mit Civilization IV hat es Firaxis auch endlich geschafft, den Mehrspielermodus gleich ins Hauptspiel einzubringen und nicht erst wie im dritten Teil durch ein Addon. Der Modus gestaltet sich aber sehr ähnlich der Erweiterung „Play the World“. Durch das rundenbasierte Spielprinzip muss man immer noch auf Mitspieler warten, bis sie ihre Einheiten bewegt haben, man hat jedoch während dieser Zeit schon die Chance, eigene Spielzüge im Voraus zu planen und somit den Spielfluss etwas zu beschleunigen. So passiert es, dass man auf einer kleinen Karte „schon“ in ein paar Stunden fertig ist (was für Echtzeitstrategiespieler wahrscheinlich völlig unvorstellbar klingt), auf einer großen Welt aber schon einige Zeit zu knabbern hat, bis sich der Stärkste endlich durchgesetzt hat.